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Drittmittelprojekt

Titel:
Literatur und Traum in der Kulturgeschichte der Neuzeit

Projektleitung an der Universität Würzburg:

Beteiligte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler:

Kurzbeschreibung:


Das Projekt verfolgt drei methodisch eng miteinander verbundene Fragestellungen, die sich den Bereichen der (insbesondere deutschen) Literaturgeschichte, Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft bzw. Literaturtheorie sowie der histori­schen Kulturanthropologie zurechnen lassen. Es geht der Frage nach, inwiefern Literatur ein epochenspezifisch veränderliches Wissen über anthropologische Fragen und Problemfelder besitzt, das sie mit ihren eigenen diskursiven Mitteln - in den Ordnungen der Fiktion - verarbeitet. Am Beispiel der poetischen Darstellung des Traums soll das spezifische Wissen der Literatur und dessen Verhältnis zum außerliterarischen (akademisch-theoretischen) Wissen untersucht werden. Der Zeitraum zwischen Früher Neuzeit, Aufklärung und Romantik (1600-1820), der hier unter der übergreifenden Kategorie ?Kulturgeschichte Alteuropas bis zum Beginn der Moderne? zusammengefaßt wird, scheint dabei in besonderem Maße geeignet, dieser Frage ein paradigmatisches Untersuchungsfeld vorzuzeichnen, weil sich in ihm ein Umbau der Ordnungen des Wissens vollzieht, der entscheidende Konsequenzen für die vormodernen Auffassungen von Vernunft, Affekten und leiblich-seelischer Konditionierung des Menschen zeitigt. Zwischen Früher Neuzeit und Romantik steht die Literatur vor jeweils sehr unterschiedlichen Formationen des Wissens, auf die sie, wie das Beispiel der poetischen Traumdarstellung ausweist, nicht nur reagiert, sondern von denen sie auch immer wieder in charakteristischer Weise abweicht. Im Vorgang dieser ?Abweichung? profiliert sie ihre textuellen und medialen Darstellungsmöglichkeiten: sie bildet ein Wissen aus, das durch die Modellierungen der Fiktion nicht einfach nur reproduziert oder transformiert, sondern zuallererst generiert wird. Zumal im Hinblick auf diese Erkenntnis verfolgt das Projekt eine kulturanthropologische Fragestellung: das Wissen über menschliche Träume, das Literatur in den unterschiedlichen kulturellen Rahmungen von Früher Neuzeit, Aufklärung und Romantik an den Tag legt, ist strukturell betrachtet stets literarisches Wissen, d.h. durch die diskursiven Techniken der Poesie vermittelt. Im Anschluß an eine methodische Grundannahme des Konstanzer Sonderforschungsbereichs 511 (vgl. Gerhart v. Graevenitz, Gottfried Seebaß, Grundsatzpapier ?Literatur und Anthropologie?, S.6), derzufolge Literatur einzig dann ein beobachtbares Objekt kulturanthropologischer Untersuchungen bilden kann, wenn zuvor die Funktionsgesetze ihrer fiktionalen Strukturen hinreichend analysiert worden sind, geht das Projekt von der Hypothese aus, daß ein literarisches Wissen über den Traum nur ein durch die Ordnungen der Fiktion, die Formen ihrer poetischen Konkretion und die Eigengesetze ihrer Medialität hergestelltes Wissen sein kann. Aus diesem Grund darf sich die Arbeit des Projekts nicht mit der Rekonstruktion der (im Detail sehr aufschlußreichen) Filiationen des anthropologischen Traumwissens und der Analyse seines Einflusses auf die Literatur begnügen, sondern muß anhand ausgewählter Texte die diskursive Logik der poetischen Wissensproduktion selbst freilegen.


Ein zweites, daraus abgeleitetes Untersuchungsfeld bildet der Beziehung zwischen Imagination und Fiktion im Kontext literarischer Medialität. Der Traum gilt in sämtlichen Phasen der neuzeitlichen Kulturgeschichte zu Recht als Modell der Imagination (wobei die Auslöser der imaginativen Traumproduktion unterschiedlich gedeutet werden). Tritt der Traum in die Welt der Literatur ein, so gewinnt er eine imaginäre Struktur zweiter Potenz: er gerät unter das Gesetz der Fiktion. Die Literatur nutzt die narrativen Strukturmuster des Traums, um sie in wiederum unterschiedliche Gattungskontexte (von der dramatischen Inszenierung über das lyrische ?memento? bis zu Romanerzählung und fiktivem Protokoll in den Rahmungen autobiographischer Diskurse) einzubringen. Damit berührt das Projekt die grundsätzliche Frage nach dem Verhältnis von Imagination (als Technik der Produktion alternativer Wirklich­keitsversionen) und Fiktion (als Verfahren der poetischen Konkretion möglicher Welten), die für die literaturwissenschaftlichen Teilpro­jekte der Forschergruppe grundsätzlich bedeutsam ist. Gerade dieser Konstruktionscharakter ermöglicht aber auch die Beobachtbarkeit des literarischen Traums. Indem der Traum in die mediale Ordnung der poetischen Sprache eintritt, erfährt er eine Codierung, die ihrerseits systematisch beobachtet und beschrieben werden kann. Die Darstellung durch die Sprache bedeutet zugleich einen Prozeß der Transformation des Imaginären in den Sektor der medialen Konkretion. Der Traum gewinnt im Akt seiner Verbalisierung eine eigene Semantik, die seine Kommunizierbarkeit gewährleistet und ihn in eine durch die Zeichen der Sprache verbürgte soziale Ordnungsform einrücken läßt. Zu den theoretischen Fragestellungen, die das Projekt verfolgt, gehört daher auch die Auseinandersetzung mit dem Verhältnis zwischen dem Traum als Material und dessen sprachlicher Formatierung in Texten mit unterschiedlicher Funktion literarischer bzw. außerliterarischer Provenienz (poetische Gattungen wie Drama und Novelle, Protokoll, Krankenbericht, Autobiographie, Andachtsbuch).


Eine kulturgeschichtliche Perspektive eröffnet das Projekt schließlich durch die spezifische Aufarbeitung des historischen Materials und seine Situierung in einer komplexen Sozialgeschichte der gelehrten Diskurse. Für die Frühe Neuzeit ist die Rezeption spätantiker sowie mittelalterlicher Traumtraktate und Traumbücher zu untersuchen, die ihrerseits das literarische Traumwissen (etwa bei Shakespeare oder Gryphius) beeinflußt (wobei mit einer weitaus stärkeren Durchlässigkeit zwischen wissenschaftlichem und poetischem Diskurs als im 18. Jahrhundert zu rechnen wäre). Im Fall der Aufklärung rücken neben philosophischen Texten (im breiten Spektrum zwischen Descartes und Kant) insbesondere anthropologische Abhandlungen (mit einem deutschsprachigen Schwerpunkt) ins Zentrum. Im Bereich der Romantik gilt es ebenfalls, auf anthropologische Quellenschriften aufmerksam zu machen, die ihre Bedeutung für das literarische Traumwissen besitzen, umgekehrt aber nicht selten von der Literatur Beispiele und sogar theoretische Perspektiven empfangen, durch die sie sich systematisch anregen lassen. Sichtbar wird hier, daß der literarische Traum eine doppelt besetzte kulturelle Konstruktion im Medium der Sprache darstellt: als Modell eines spezifischen Theoriewissens beansprucht er exemplarische Dimensionen jenseits individueller Fallgeschichten; als Element der Fiktion gehorcht er ästhetischen Funktionen im Rahmen diachron variierender Gattungs- und Textkonzepte.

Schlagworte:
    Traum
    Literatur
    Kulturgeschichte
    Frühe Neuzeit
    Aufklärung
    Klassik
    Romantik

Laufzeit: von 11.2002 bis 10.2005

Förderinstitution:
DFG ,Genehmigungsdatum: 10.07.2002

Publikationen: